Rückblicke auf die Eurythmie-Konferenz "Sprach-Bewegung" April 2018

Es war ein Fest...

... anders kann man das Ereignis der großen „Sprach-Bewegung“-Tagung, die zu Ostern sektionsübergreifend (Sektion für Redende und Musizierende Künste gemeinsam mit der Medizinischen und der Pädagogischen Sektion) in  Dornach stattfand, nicht beschreiben. Über 700 Teilnehmer – EurythmistInnen, HeileurythmistInnen, SprachgestalterInnen, StudentInnen der Eurythmie und der Sprachgestaltung und interessierte Laien – hatten sich zu einer fünftägigen Konferenz eingefunden, die von Beginn an durch Freude, Interesse und Warmherzigkeit geprägt war.

Das Thema war Sprache in allen ihren Facetten, gesprochen und bewegt, in Workshops, Aufführungen, Kursen und Demonstrationen, und natürlich bei den vielen Begegnungen in den großzügig bemessenen Pausen.

Stefan Hasler hatte sich für seine erste, als Sektionsleiter allein verantwortete Tagung Angelika Jaschke (für die Heileurythmie), Ulrike Wendt (für die Bühneneurythmie), Michael Werner (für die Pädagogik) und Agnes Zehner für die Sprachgestaltung ins Vorbereitungsteam geholt. Gemeinsam wurde ein Konzept entwickelt, dass einerseits viel Raum für Mitbeteiligung vorsah und andererseits auch reichlich Freiraum in der Tagungsgestaltung bot. Die Vormittagsgestaltung war relativ klassisch: Den vier interessanten und thematisch wie stilistisch sehr unterschiedlichen Vorträgen zu den geistigen, neurologischen, sich entwickelnden und pädagogisch-konkreten Ebenen von Sprache (Martina Maria Sam, Prof. Joachim Bauer, Dr. Peter Lutzker, Andreas Borrmann und Jürgen Frank) schloss sich jeweils eine eurythmische  Demonstration in verschiedenen Sprachen an.

Eine der vielen spannenden Darstellungen sei hier herausgegriffen: die Gegenüberstellung zweier Sprachen, die in gewisser Weise die Polarität von Vokal und Konsonant repräsentieren: das Brasilianisch-Portugiesische und das Tschechische. Zunächst ließen die Südamerikanerinnen mit beweglichem Oberkörper die Vokalansätze fließend ineinanderschmelzenden – anschließend blitzte um Silvia Hanustiak bei den rein konsonantischen tschechischen Worten (smrt = Tod, krw = Blut) der Tierkreis auf – das Publikum im Großen Saal des Goetheanums war begeistert. Es folgte noch das Georgische mit der Eigenheit von einigen Lauten, die ans Geräuschhafte grenzen – wieder eine neue Sprach-Erfahrung.

Nach der Kaffeepause war Gelegenheit, sich in 34 verschiedenen Kursen vier Vormittage lang in ein gewähltes Thema zu vertiefen. Am Nachmittag gab es Initiativen und Marktplätzen – aus einer Fülle von insgesamt fast 120 Einzelveranstaltungen konnte sich hier jeder ein individuelles Tagungsprogramm zusammenstellen.  Das Konzept ging auf – und es fand ein reger Wechsel statt zwischen den vielen forschend-fragenden und impulsierenden Workshops zum Zuschauen, Zuhören, Mitmachen und Ausprobieren.

Im Mittelpunkt dieser Angebote standen rund vierundzwanzig  Sprachen, in denen Menschen eurythmisch und auch sprachgestalterisch arbeiten – und von denen sich natürlich nur wenige auf „Doktor-Angaben“ berufen können. So wurde hier vor allem die Suche nach einer adäquaten Lautgestaltung und dem bewegten Sprachcharakter miteinander geteilt. Eine andere wichtige Fragestellung war die Beziehung zwischen Eurythmiebewegung und Sprachgestaltung, die in Workshops und auch in den Aufführungen immer wieder neu ausgelotet wurde.

Die Abende waren den Aufführungen gewidmet – und wie bei einer Künstler-Tagung nicht anders zu erwarten, geriet dieser Teil ziemlich lang: an einigen Abenden verließen die Tagungsteilnehmenden das Goetheanum erst gegen 23 Uhr... Im Vorfeld war es noch eine leise Frage gewesen, ob man zwei lange Abende ausschließlich mit Sprache gestalten kann – die Tagung hat gezeigt: man kann!

Zu Beginn der ersten Aufführung standen drei sehr alte Sprachen: hebräisch, aramäisch und arabisch. Das das Miterleben der subtilen Klang-und Bewegungskontraste öffnete einen unmittelbaren und authentischen Zugang zu diesen Sprachen, von denen man ja „kein Wort versteht“. Und dieses erstaunliche Erlebnis zog sich  weiter durch den Abend – man muss diese sichtbaren, hörbaren Sprachen nicht verstehen, um ihren Charakter, ihre Wesensart zu erleben – besonders eindrücklich beim Japanischen, wo drei Solisten und eine Gruppe ein ganzes stilistisches Panorama des Reichtums dieser Sprachkultur aufspannten. Dieses wortverständnislose Verstehen dessen, was im tiefsten Grunde einer Sprache lebt, gehört mit zu den prägenden Eindrücken der Tagung.

Den Tagungsrahmen bildeten Programme der beiden großen Eurythmiebühnen: Zum Auftakt das Else-Klink-Ensemble Stuttgart, unter anderem mit einer eindrücklichen stummen Choreografie, die den in der „Theosophie“ beschriebenen Schulungsweg in Bewegungsbilder übersetzt, am Ende die Goetheanum-Bühne Dornach mit Gedichten der Basler Dichterin Heidi Overhage-Baader. Beide Ensembles setzen ihren musikalischen Schwerpunkt mit Werken von Dmitri Schostakowitsch.

Der Mittwoch gestaltet sich als Doppelaufführung: zunächst ein Ausschnitts aus dem Sprechstück „Die Welt hören Gesichter und Hände hinter den Augen haben“ von Mona Doosry, in der die sechs ausgezeichneten Sprechdarsteller das Publikum mit frischen Griffen und fein gestalteter Sprachkultur begeisterten. Es folgten mehrere Bilder aus der Aufführung „Manu, Moses and more“, in der eine überwältigende Fülle von über 200 Schülern aus Neuwied in Orchester (Leitung und Komposition: Wilfried Vögele) und Bewegungschoreografie (Silvia Vögele) auf der Bühne zu erleben waren.

Rechtzeitig zur Sprachtagung konnten Martina Maria Sam und Stefan Hasler Neues von der Forschungsstelle Eurythmie präsentieren: Druckfrisch lagen „Rudolf Steiners Angaben zur Eurythmie in verschiedenen Sprachen“ vor, eine überaus reichhaltige Zusammenstellung aller Hinweise, die aus der ersten Zeit der Eurythmie erhalten geblieben sind, sowie „Eurythmiefiguren aus der Entstehungszeit“, die erstaunliche Sammlung von Abbildungen originaler Figuren (vor allem von Edith Maryon), die in ihrer Lebendigkeit und Variabilität dem Umgang mit diesen grundlegenden Arbeitsmitteln ganz neue Impulse geben. Und das wurde interessiert aufgenommen – die Tagungsausstellung eines erheblichen Teils dieser inzwischen über 100 aufgefundenen Originale wurde rege besucht. Seit längerem wird auch an der Neuherausgabe des Lautkurses gearbeitet – man darf gespannt sein auf weitere interessante Entdeckungen in den Archiven. Denn gerade in Bezug auf die Planeten- und Tierkreisgebärden lässt die Auswertung verschiedener Notizbücher ebenfalls einen überraschenden Variantenreichtum erkennen, wie Sam und Hasler darstellten.   

Noch vieles wäre zu berichten, von all den kleinen Kostbarkeiten, die miteinander geteilt werden konnten, von der Fülle und Breite der Arbeitseinblicke. Und vor allem von der festlich-freudigen Begegnungsqualität, die vom offenen Interesse am anderen und von der Bereitschaft, sowohl die eigenen Ideen und Ansätze zu teilen wie sich von neuen Impulsen bereichern zu lassen, lebte. Diese Qualität entstand durch das unbedingte „Ja“ aller Anwesenden zu einer Gemeinschaft der Suchenden: Die Sprache bewusst zu ergreifen, das erwies sich auf allen Lebensfeldern als Frage und als Sehnsucht. Mit dieser Themenstellung ist ein Anfang gemacht, ein Arbeitsraum eröffnet, der in der nächsten Tagung in drei Jahren (Ostern 2021) weiter vertieft und exploriert werden soll. Möge dieser begeisternde Beginn eine ebenso erfüllende Fortsetzung finden!

Ulrike Wendt, Fotos: Xue Liu